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Super Size Me



Land: USA
Laufzeit: 100 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Starttermin: 15. Juli 2004

Genre: Dokumentation

Regie: Morgan Spurlock
Drehbuch: Morgan Spurlock
Darsteller: Morgan Spurlock, Dr. Daryl Isaacs, Alexandra Jamieson
Kamera: Scott Ambrozy
Schnitt: Stela Gueorguieva, Julie "Bob" Lombardi
Musik: Steve Horowitz, Michael Parrish








Nach Michael Moores sensationellen Erfolg mit seinem Bush-kritischen Dokumentarfilm "Bowling For Columbine" ist das Augenmerk der Allgemeinheit nun auch verstärkt auf dieses Genre gerichtet. Jetzt laufen gleich zwei neue Dokumentarstreifen in den heimischen Kinos an, die sich mit den wohl brisantesten Themen der Vereinigten Staaten beschäftigen. Der eine, Moores neueste Attacke auf Bush, wurde, nicht anders zu erwarten, Kassenknüller, der andere beschäftigt sich mit Ernährung, aber nicht irgendeiner. Fastfood-Gigant McDonalds wurde ein Film "gewidmet", aber ob es die Verantwortlichen freut? Das kann sich wohl keiner so richtig vorstellen.

2002, ein stinknormales Jahr mit einem stinknormalen Thanksgiving-Abend in einer stinknormalen Familie. Morgan Spurlock sitzt mit seinen Lieben vor dem Fernseher, als sie in den Nachrichten die Geschichte zweier Mädchen hören, die McDonalds verklagt haben, da sie der Restaurantkette die Schuld an ihrer Fettleibigkeit geben. Es herrscht allgemeine Erheiterung, was denn alles möglich sei. Doch ein Familienmitglied hat plötzlich eine Idee, DAS ist idealer Stoff für den Kinofilm, von dem Morgan schon lange geträumt hatte und mit Hilfe seines Freundes, der auch Kameramann ist, soll er nun erfüllt werden. Schnell werden Regeln aufgestellt. Morgan wird sich einen Monat lang nur von Essen ernähren, das es in einem McDonalds zu kaufen gibt, alles inklusive Wasser, und dabei drei volle Mahlzeiten am Tag zu sich nehmen. Jedes Gericht auf der Karte muss einmal gegessen und die bestellte Portion vollständig vertilgt werden. In Amerika gibt es außerdem noch die Größe "Supersize" für ein Menü, bestehend aus 2 Litern Cola und einer Packung Pommes, von der eine ganze Familie satt werden könnte, plus Hamburger. Wird er an der Kasse gefragt, ob er diese Größe haben möchte, muss er sie nehmen. Dann lässt sich Morgan von drei Ärzten bis ins kleinste Detail untersuchen: Sie bescheinigen ihm beste Gesundheit. Idealgewicht, körperlich fit, ideale Blut-, Körperfett- und Cholesterinwerte, Nichtraucher, kaum Alkohol, sexuell aktiv sowie ein ausgeglichenes Leben. Abends wird ein letztes normales Mahl zu sich genommen, zusammen mit seiner Freundin, die ironischer Weise auch noch vegan kocht.

In der folgenden guten Stunde wird der Zuschauer Zeuge einer wahren Fettdiät. Gut gelaunt und voller Elan macht sich Morgan zu seinem Frühstück auf, dann gibt es Mittag, Abendessen und wieder Frühstück. Dabei schränkt er seine Bewegung auf unter 5000 Schritte pro Tag ein und treibt keinen Sport, so wie rund zwei Drittel der amerikanischen Bevölkerung tagtäglich leben. Auf die Frage, wie es ihm nach einem Monat gehen würde, antworteten die Ärzte unsicher, vermuteten geringe Blutfett- und Cholesterinschwankungen und eine leichte Gewichtszunahme. Aber der menschliche Körper ist anpassungsfähig, er wird das verkraften. An Tag drei übergibt sich die Versuchsperson das erste Mal, ein Supersize-Mittagessen war zu viel für Morgan, doch er hält durch. Während seiner Diät besucht er einige Bundesstaaten, u. a. Texas, den fettesten Bundesstaat, und redet mit der amerikanischen Bevölkerung über ihre Fastfood-Gewohnheiten. Erschreckend viele gehen mehr als einmal pro Woche in so ein Restaurant, nur wenige lehnen Fastfood ganz ab. Nach bereits zehn Tagen leidet Morgan an Schlafstörungen, Atemnot, Drücken in der Brust, er nimmt 11 Kilo zu, sämtliche Werte verschlechtern sich dramatisch. Die Ärzte drängen zum Abbruch des Experimentes, es bestünde die Gefahr, seine Leber dauerhaft zu schädigen. Doch Morgan hält sein Experiment trotz großer Angst durch.

Er präsentiert uns mit dieser Dokumentation nicht nur eindrucksvoll, was falsche Ernährung mit dem so anpassungsfähigen Körper eines Menschen anstellen kann, er übt Kritik am gesamten Ernährungssystem. So wird zwischen den einzelnen Beobachtungsszenen von Morgan und seinen Malzeiten zum Beispiel die Werbung und Vermarktung von McDonalds unter die Lupe genommen und es zeigt sich, dass der Konzern besonders Kinder als Zielgruppe zu haben scheint. Happy Meal, Kindergeburtstage, Spielplätze, ein Cartoon mit dem McDonalds Clown im Fernsehen, dazu jede Menge Werbung ködern schon die 3jährigen, denen aber Mahlzeiten mit 50% Fett- und Zuckeranteil und dazu Koffein in der Cola alles andere als gut bekommen. McDonalds beliefert selbst schon Schulkantinenů Doch nicht nur der Konzern alleine steht im Mittelpunkt der Kritik, auch die allgemeinen Gesetze scheinen unbrauchbar. So ist in fast allen Bundesstaaten Sport kein Pflichtfach, die Schüler essen zum Mittag Kuchen, Schokoriegel, Pommes und dazu gibt's Cola oder Soda, nicht selbst mitgebracht, nein es gibt ja die Mensa. Ausgewogene Ernährung scheint garantiert.

Interviews mit den verschiedensten Ernährungswissenschaftlern, Politikern, normalen Bürgern, Lehrern und Kämpfern gegen die Fastfoodindustrie werden unheimlich seriös geführt, unterstützen zu Hundert Prozent den Ablauf des Filmes und untermauern alle Aussagen und Erlebnisse, die Spurlock in seinem Selbstversuch erleben muss. Nun ja, ein Film aus Interviews über Ernährung und die zunehmende Verfettung, klingt das spannend? Wollen das die Nationen sehen? Hm, sind wir mal ehrlich. Wer macht sich heutzutage keine Sorgen um seine Figur? Oder um seine Gesundheit? Niemand. Aber es will sich auch keiner großartig damit befassen, geschweige denn hören, dass die ganzen leckeren, bequemen und schnellen Nahrungsmittel von McDonalds einen Körper so schädigen können, wie es Morgan am eigenen Leibe erfährt. Zugegeben, er macht ein extremes Programm durch und die drastischen Veränderungen seiner Gesundheit gehen zwangsläufig aus einem vorher perfekten Zustand hervor, nachdem er seine Ernährung derartig umgestellt hat. Aber damit zeigt er auch, wie es dem Durchschnittsbürger über einige Jahre hinweg verteilt ergeht und 60% übergewichtige Bevölkerung sind Beweis genug für seine These.

So sitzt man in den 100 Minuten Spielzeit immer beeindruckter in seinem Kinosessel, während sich Fressorgien bei McDonalds mit Interviews, kleinen Dokueinlagen und phantasievoll gemalten, Kontext unterstützenden Bildern abwechseln. In verschiedene Rubriken wie Werbung, Abhängigkeit, Auswirkungen usw. eingeteilt, wirkt der Film logisch gegliedert und man hat keine Probleme zu folgen oder läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Zwischen den vielen Interviews kommt keineswegs Langeweile auf, da man ganz einfach viel zu fasziniert-geschockt ist, was so ein bisschen Fastfood und Bewegungsmangel so alles anstellen können und wie grausam unaufgeklärt eine Nation eigentlich sein kann, wenn es um das Thema Ernährung geht.

Morgan Spurlock ist Hauptdarsteller und Regisseur gleichzeitig und er scheint immer wieder neue Details aufzudecken, von denen die wenigsten zuvor etwas geahnt zu haben schienen. Einen Höhepunkt gibt es allerdings nicht, denn nach Morgans Fressmarathon gelingt es ihm leider nicht, einen Vertreter der McDonalds Geschäftsabteilung zu einem Interview zu bekommen. Das meistert er aber geschickt, indem er seine Anrufe kurz dokumentiert, nach ungefähr 20 Versuchen plus mehrerer Mails meldet sich noch immer niemand, sechs Monate vergehen... Eine Tatsache, die ihm nicht zu lasten gelegt werden darf, allerdings den Film auch nicht beeinträchtigt, denn wer sieht das Interview nicht vor Augen: bestehend aus Ausreden, Ausreden und ach ja: Ausreden.

Bleibt die Frage nach dem Erfolg eines so genialen Streifens. Im Verhältnis zu Moores "Fahrenheit 9/11"? Nicht erwähnenswert, in Deutschland schaffte es "Super Size Me" nicht einmal in die Top 5 der Kinocharts und wird auch in vielen größeren Kinos nicht gespielt. Der Grund? Mir schleierhaft. Ja, Moore hat auch ein brisantes Thema, aber was kann ein Durchschnittsbürger schon am Regierungssystem der USA ändern? Ein bisschen gar nix. Natürlich ist es unvorstellbar, was man da geboten bekommt, aber am Ende nichts anderes als in Moores letztem Buch auch schon zu lesen war. Hier soll nicht die Qualität oder Überzeugungskraft von "Fahrenheit 9/11" angezweifelt werden, sein Erfolg spricht für sich. Doch trotzdem trifft "Super Size Me" ein Thema, das jeden Einzelnen etwas angeht und auf das jeder für sich allein Einfluss hat. Nein, wir können nichts am Bush-Regime ändern, aber wir können unsere Kinder und uns selber davon abhalten, übergewichtig zu werden, mit ein bisschen Wissen.

Dieser Film kann jedem die Augen öffnen, der nur bereit dazu ist. Also habt ihr eine Diät vor? Dann seht ihn euch an, viele könnten dann die Hände von Fastfood oder literweise Cola lassen, ohne dass es allzu sehr schmerzt. Eigentlich müssten Ärzte der USA ihren Patienten, die an Fettleibigkeit leiden, diesen Film empfehlen, er wird auf jeden Fall Wirkung zeigen. Hier gibt es alles, Unterhaltung (denn so etwas darf bei Kino ja nicht fehlen) mit Hintergrund, Wissen, das humorvoll, schockierend, kritisierend und seriös zugleich vermittelt wird. Die hier investierte Zeit ist keine Verschwendung, denn damit hat Morgan Spurlock ein Stück Genialität geschaffen, einen Dokumentarfilm, der mitreißen kann. Dann lassen vielleicht endlich mehr Menschen die Hände vom Fastfood oder schränken den Konsum ein, Potential hat der Streifen genug. Der moralische Sieger des kleinen Doku-Wettstreites sollte "Super Size Me" sein, denn hier kann jeder einzelne selber etwas für sich bewegen. Danke dafür, man hofft auf Wirkung.



Note: 1+



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